Ein Nachruf auf den besten Club der Stadt

Der Glitzervorhang ist Geschichte, das Atomic Café ist an Neujahr für immer von uns gegangen. Was bleibt sind die Erinnerungen an unzählige großartige Abende und die Tatsache, dass hier Münchner Musikgeschichte geschrieben wurde.

Versteckt hinter einer unscheinbaren Tür, in Laufnähe zur Luxusmeile Maximilianstraße, hat sich das Atomic Café den Ruf als vielleicht Deutschlands besten Konzertclub erarbeitet. Wer in intimer Atmosphäre vor dem Glitzervorhang spielte, hat nicht selten kurz darauf die großen Hallen gefüllt.

So abgedroschen der Satz klingen mag – das Atomic Café war einer der wenigen Läden, die beweisen konnten, dass in Unterhaltung Haltung steckt. Das Programm war eine Ansage gegen Beliebigkeit, meist irgendwo zwischen Indie, Pop und Britpop angesiedelt; dass das Atomic Café auch Soul-, Electronic-, Rockabilly- und anderen Genrefreunden eine Heimat bot, ist vielen unbekannt.

In Sichtweite zur Shoppingmeile war das Atomic Café das in Milchglas gegossene Versprechen, dass man dem kommerziellen Ruf der Stadt etwas entgegensetzen kann. Wo sonst konnte man vor dem Club mit Bierflaschen klimpern, während links die Lacoste-Mode im Schaufenster hing und rechts die S-Klassen vor Münchens teuerstem Hotel parkten?

Die Tür ging auf, man tauchte in warmes Orange, überall runde Ecken, Glasbausteine und bauchige Lampen. Das Atomic Café war Liebling von Publikum und Musikern, und auf den Pressefotos so mancher NME-gehypten Indieband konnte man das poppige Interieur aus der Neuturmstraße ausmachen. Vielleicht findet es bald eine Zukunft im Münchner Stadtmuseum. Das interessiert sich für die Stücke, weil sich Wünsche und Träume eher im Nachtleben verwirklichten – tagsüber sei München „ja doch eher merkantil geprägt“.

Als Konzertgänger fühlte man sich wie in einer großen Familie, die sich schon auf dem Weg vom Marienplatz in den Club zielsicher erkannte; vorbei an dieser merkwürdigen innerstädtischen Touristenkulisse, an Schuhbecks unzähligen Lokalen, dem Hofbräuhaus und den fotografierenden Hotelgästen.

Gleichzeitig hatte man immer eine Vorahnung, dass das nicht ewig so weitergehen würde. Überall Gentrifizierung und Clubsterben. Jetzt ist es soweit, und es ist ein Gefühl wie mit verstorbenen Großeltern: Dass man sich viel zu selten gesehen hat.

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