München im Reserviert-Modus

Wer darf hier Platz nehmen – und wenn ja, wie viele?

Reserviert

„Reserviert“ tönt es in einer halb-leeren Münchner Bar von allen Tischen. Ein Zustand, der für die ganze Stadt gelten kann. Man kommt rein, fragt nett, es wird zögerlich ein Plätzchen freigemacht. Man ist angekommen und fragt sich doch: „Bin ich hier eigentlich richtig?“

Exkurs. Wohnungsbesichtigung in München. Eine echte Traumbude! Etwas klein geschnitten, zur Straße raus, aber hey, U-Bahn-Anschluss, und das für einen dreistelligen Monatsbetrag! Wie erwartet platzt die Wohnung aus allen Nähten, die besichtigende Meute kreist wie eine Horde Aasgeier über den Selbstauskunftsbögen. Ich bin gut vorbereitet, habe alle Gehaltsnachweise und auch ein paar bemüht klingende Zeilen für den Vermieter dabei, sogar meine Schuhgröße kann ich nennen. Mittlerweile lächelt mich das dritte Akademikerpärchen mit einer subtilen Mischung aus Mitleid und purem Hass an, und langsam dämmert mir: Hier ist bereits reserviert – mit mir und dieser Wohnung, das wird nichts mehr, zumindest nicht in diesem Leben.

Wie oft hat man doch dieses mentale „Schon reserviert“-Schildchen vor Augen. Je schöner die Bühne, desto schneller sind eben auch die guten Plätze besetzt. In München ist dieser Prozess schon ziemlich weit fortgeschritten. Alles scheint rar, teuer und schon von anderen belegt: Wohnraum, Konzertkarten, Lebensabschnittspartner, an Sonnentagen auch die Terrasse vor dem Tambosi. Ja, sogar die Menschen in der U-Bahn sind reserviert.

Dem Durchschnittsmünchner bleibt nur, sich in die hinteren Reihen zu verziehen. Aber war es jenseits der ersten Reihe nicht immer schon viel interessanter, hinter denen, die alles richtig machen wollten, denen ein Federmäppchen aus Rindsleder wichtiger war als ein gelungener Abistreich? Spannender ist es in den hinteren Reihen der Stadt: Kneipe mit Spielautomat statt Chai Latte auf der Maximilianstraße. Wohnzimmerkonzerte statt Operngedöns. Schafsweiden im Englischen Garten statt Liegewiesen mit Stuhlverleih. Die Orte abseits der makellosen Münchner Disney-Kulisse sind etwas versteckt, aber umso mehr Spaß macht es, sie zu entdecken. Hier ist nix reserviert – und dafür alles offen.

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2 Gedanken zu „München im Reserviert-Modus

  1. nicihood sagt:

    Haha. Gut getroffen!

    Gefällt mir

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